{"id":12,"date":"2014-10-29T23:57:45","date_gmt":"2014-10-29T21:57:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/?page_id=12"},"modified":"2014-10-29T23:57:45","modified_gmt":"2014-10-29T21:57:45","slug":"der-mann-aus-eisen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/?page_id=12","title":{"rendered":"Der Mann aus Eisen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro war ein untersetzter Typ von schlanker Grazie und untersch\u00e4tztem Wesen. Ich sage \u201awar\u2019, denn er ist tot. Doch die Geschichte seines Todes mag manchem echtem Mann aus Eisen zur Schande gereichen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es war ein regnerischer, dunkler Tag, als er \u00fcber die B\u00fccher gebeugt an seinem Schreibtisch sa\u00df. Das alte Holz des Stuhles knackte, wenn er sich auf dem Sitzfleisch hin und her bewegte. Eine einsame Schreibtischlampe erhellte die wei\u00dfen, beschriebenen Seiten vor ihm, w\u00e4hrend kritzelnd sein Kuli \u00fcber das Papier fuhr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es war nichts weiter als Zahlenkolonnen. Zahlenkolonnen, deren Sinn nur er verstand. Deren Sinn er verwaltete. Er war der Bankier von Francesco DeCielo. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">DeCielo war ein gelassener Mann. Nun, \u2026wenn man ihn nicht gerade versuchte anzupissen. Ferro tat gerade nichts anderes, nach Jahrzehnten der Treue. Und dabei schrieb er nichts als Zahlen in dieses Buch. Nichts als leere Nummern, ohne jedes Wesen und so scheinbar ohne jeden Sinn. Reihe um Reihe. Spalte um Spalte. Und dennoch beschiss er dabei den gr\u00f6\u00dften Mafiosi in ganz Italien, wenn nicht sogar Europa.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro war ein gelassener Mann. Er liebte die einfachen Zusammenh\u00e4nge, den direkten Bezug zwischen Nummern und Bankkonten, den hierarchischen Aufbau der \u201eFamilie\u201c. Und genauso verabscheute er alles Komplexe und Undurchschaubare. Er betrachtete sich selbst gerne als jemand, der die einfachen Beweggr\u00fcnde hinter den Machenschaften des Paten symbolisierte. Das Geld, das verdient wurde. Ob mit Gl\u00fccksgesch\u00e4ften, Schutzgeldern, Erpressungen oder Anschw\u00e4rzungen. Hier waren Werbekosten, hier Abschreibungen. Alles hatte seinen Plan und seinen Sinn. Eine riesige Scheinfirma aufbauen, die nur er erfassen konnte und dennoch nur ihn beinhalteten durfte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Schlie\u00dflich klappte er das schwere Buch zu und stellte es weg. Damit hatte er den Schritt \u00fcber die Grenze endg\u00fcltig getan. Hinter ihm war alles versperrt, was ihn jemals zur\u00fcck in DeCielos Arme bringen konnte. Von nun stand er allein.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er stie\u00df sich vom Schreibtisch weg, der Stuhl quietschte einsam und leise mit seinen Rollen, und stand auf. Alles war so ruhig um ihn herum, so unangenehm still. Von diesem Moment an war ihm so, als ob sie von allem w\u00fcssten. Als w\u00e4re nun alles nicht mehr als eine Frage der Zeit.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es war sp\u00e4t in der Nacht, und Ferro legte sich schlafen. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er wusste nicht, dass ihm schon eine ganze Weile lang m\u00edsstraut wurde. Und er wusste nicht, dass er beobachtet wurde. Und er konnte nicht im Geringsten ahnen, wie lange schon.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Drau\u00dfen in einem dunkelblauen Mercedes sa\u00dfen Roxio und Carlo. Beide hatten die Statur von Esszimmerschr\u00e4nken und die Umgangsformen von brutalen Schl\u00e4gern. Carlo sa\u00df mit einem Infrarotfernglas auf dem Beifahrersitz, lehnte l\u00e4ssig mit beiden Ellbogen aus dem Seitenfenster heraus in die kalte Nacht und sp\u00e4hte Richtung Villa. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Francesco bezahlt diesen Hund echt zu gut.\u201c Murmelte er, w\u00e4hrend sein Atem in dichten Schwaden dem Fenster entfleuchte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ja.\u201c Antwortete Roxio, das Lenkrad fest in beiden H\u00e4nden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Meinst Du, er wird den Typen \u00fcberhaupt am Leben lassen, wenn wir ihn erst einmal haben?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Nein.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ja, nein. Kannst Du eigentlich auch mal was anderes sagen?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Nein.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Sehr witzig!\u201c H\u00f6hnte Carlo konsterniert.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro stand derweil im Mantel im Badezimmer und starrte auf sein eigenes Abbild in den verspiegelten Schrankw\u00e4nden. Eine schm\u00e4chtige Gestalt mit engen Schultern und karger H\u00fchnerbrust blickte ihm aus dem Frottemantel entgegen. Und dieses Ich schien ihn mitleidig anzuseufzen, als hatte es gerade dieselben Gedanken wie er selbst: Er, allein gegen die Mafia?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Seine Miene war wie versteinert, ein hoffnungsloser Ausdruck in seinen Blick gebrannt. Als er sich in das gro\u00dfe Himmelbett im Schlafzimmer legte, wusste er bereits, dass er nicht einschlafen w\u00fcrde. Die ganze Nacht lang nicht. Er wusste, dass er stets denselben einen Gedanken haben w\u00fcrde. Den Tod. Und stets dieselbe eine Furcht. Francesco DeCielo.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er wischte alles hinfort, die Decke beiseite und \u00fcber sich.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es wird Zeit. An die Arbeit.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Roxio nickte Carlo nur kurz zu und stieg ebenfalls aus dem Mercedes. Der Bankier war zu Bett gegangen. Jetzt mussten sie ihm nur noch das Licht ausknipsen. Sie drehten gelassen die Schalld\u00e4mpfer auf ihre geschw\u00e4rzten Pistolen, im fahlen Halbschatten einer Stra\u00dfenlaterne gingen sie los. Carlo geduckt und flink, Roxio dagegen stolzierte mit der Waffe im Anschlag breitschultrig geradewegs auf die Eingangst\u00fcr zu. Seine dunklen Schritte hallten \u00fcber die Fliesen des Weges, w\u00e4hrend die Schatten der vollen Laubb\u00e4ume um ihn herum standen und zuguckten. Bald war er an der Eingangst\u00fcre.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr einen Moment sah er auf die Klingel, das Namensschild las in geschwungenen Buchstaben \u201eCornelio Ferro\u201c. Schon sprengte er mit einem wuchtigen Tritt das T\u00fcrholz aus dem Rahmen, klirrend fiel der Griff auf das Parkett im Eingang. Leise \u00f6ffnete sich die schwere T\u00fcr und Roxio trat den Lauf voraus gestreckt hinein.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er hatte sich um das Anwesen herumgeschlichen und war \u00fcber die Hecke an der R\u00fcckseite gestiegen. Nun lief Carlo eilig \u00fcber den weiten Rasen dahinter, zur Veranda, zum Hintereingang. Voraus im ersten Stock des Hauses erblickte er einen ausschweifenden Balkon. Darunter, wie unter einem Vordach, die breite Glasfront, die in den Garten hinaus schaute. Schon war er \u00fcber die Verandafliesen geschlichen und an der gl\u00e4sernen Hintert\u00fcr. Ein kurzes Klirren und ein geschickter Handgriff sp\u00e4ter, schon war sie offen. Surrend fuhr sie auf kleinen Rollen in Schienen am Boden eingelassen auf, und eine breite Gestalt huschte elegant hinein und verschwand.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro h\u00f6rte die Laute in seinem Haus. Er h\u00f6rte es einen Moment lang bersten und vernahm das Klirren. Da war alles so still wie zuvor. Ein kurzes, helles Surren wie von der Verandat\u00fcr. Und wieder nichts als gespannte Leere.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da war keine Angst in seiner tonlos erstarrten Miene zu lesen. Versteinert sa\u00df er aufrecht in seinem Bett und erwartete, was da kommen mochte. Alles wirkte wie ein eiskalter Albtraum.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Sein Blick ging \u00fcber die dunkelblaue \u00dcberdecke hinweg, zwischen den Bettpfosten des Himmelbettes hindurch, \u00fcber den schweren, roten Perserteppich hinweg zur Eichent\u00fcre und dann zu einem Bild an der Wand, welches seinen Vater portr\u00e4tierte. Ohne Miene sah er ihm in die Augen und versuchte zu erkennen, ob dieser jemals in die gleiche Lage geraten war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Roxio tappte die Treppenstufen hinauf, eine Hand schnaufend am Gel\u00e4nder, die zweite hielt den ged\u00e4mpften Lauf der Pistole Richtung Treppenabsatz. Er gab sich keine M\u00fche, unauff\u00e4llig zu sein. Er liebte es, seine Opfer in Todesangst zu versetzen. Der Pate hatte ihn stets auf die Familien auserkorener Feinde angesetzt. Er vergewaltigte die Ehefrauen und t\u00f6tete die Kinder, und alles ohne Reue oder Schuld. So gedankenlos beseelt stieg er Stufe um Stufe hinauf, bis er den ersten Stock erreicht hatte. Ein langer Flur erstreckte sich zu beiden Seiten. Eine einzelne, dunkle T\u00fcr war direkt voraus. Er z\u00f6gerte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro glaubte, Schritte zu h\u00f6ren. Ganz nah! Sie tappten schwerf\u00e4llig \u00fcber die Treppenstufen und blieben unvermutet stehen. Unruhig blickte er hin\u00fcber zum offen stehenden Fenster. Dann h\u00f6rte er ganze Weile lang nichts mehr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Knurrend stieg er wieder aus der aufgebrochenen Gartent\u00fcre heraus. Es gab nur eine einzige Treppe in das erste Stockwerk und die w\u00fcrde Roxio abdecken, dem bewaffnet er nicht zu nahe kommen wollte. Aber au\u00dfen an der Mauer herauf war auch ein Weg, denn es befand sich dort ein Kletterger\u00fcst f\u00fcr Weinlaub. Zuvor hatte er es noch auf jeden Fall meiden wollen, aber inzwischen hing er in halber H\u00f6he, gut zwei Meter \u00fcber dem Rasen und alles war zu sp\u00e4t. Er h\u00f6rte deutlich das Knacken und Krachen der D\u00fcbel in der gemauerten und verputzten Wand. Schlagartig wurde ihm wieder klar, warum er dies kein guter Weg gewesen war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da brach auch schon unter seinem ordentlichen Gewicht die gesamte Halterung aus der Wand! Das sperrige Ger\u00fcst kippte wie eine riesige Leiter von der senkrechten Wand, mit ihm hilflos an der Spitze. Splitternd, krachend und berstend schlug es hart auf dem Rasen auf und begrub Carlo st\u00f6hnend darunter.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Roxio hatte etwas geh\u00f6rt und war zusammengezuckt. Er trat blitzlings in den Schatten der T\u00fcre voraus und verharrte dort, regungslos. Das Krachen war eindeutig aus dem Schlafzimmer voraus gekommen. Und er wusste, dass der Bankier alleine wohnte. Vielleicht bewaffnete er sich gerade? Vielleicht versuchte er aber auch \u00fcber das Fenster in den Garten zu entkommen!<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro war aufgestanden. Im Bett hatte ihn nichts mehr gehalten, in seinen Augen stand die nackte Panik, in seiner Miene Todesfurcht. Die Decke hatte er halb mit sich aus dem Bett gezogen. Unsicher war er zum Fenster gestolpert. Ein lautes Krachen lie\u00df ihn zur\u00fcckschrecken! Er setzte sich zusammengekauert auf den Bettkasten und lauschte entsetzt dem lauten Fluchen, das aus dem Garten drang. Dort unten war auch jemand! Sein Blick fuhr herum zur T\u00fcr, gefangen! Dann, in Windeseile, rutschte er unter das Bett und verharrte dort, regungslos.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Krachend barst die T\u00fcr auf, klappernd polterte das herausgebrochene Schloss zu Boden. Drohend schwang sie in den Raum hinein und donnernd gegen die Wand. Ein schwarzer, breiter Schatten stand im T\u00fcrrahmen und machte jede Flucht unm\u00f6glich. Z\u00f6gerlich trat er in das Zimmer hinein. Pochend ert\u00f6nten die Schritte. Eine Pistole vor sich gehalten, drehte er sich immer wieder nach links und rechts und wartete, dass sich seine Augen aus dem zwielichtigen Flur heraus an das Dunkel gew\u00f6hnten, w\u00e4hrend hinter ihm die schwere T\u00fcr nach einem laxen Fu\u00dftritt gegen das nicht mehr vorhandene Schloss polterte und am aufgeborstenen Holz stecken blieb. In ihm stiegen Erinnerungen auf an die Kinderzimmer in den H\u00e4usern der Familien, an die hohen Betten mit Holzverstrebungen, damit die Kleinen nicht heraus fielen, an bunte, verspielte Mobiles, die von der Decke hingen, und an unz\u00e4hlige Pl\u00fcschtiere und Spielzeug, ein Heer an Stolperfallen auf dem Boden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Eilig war Carlo in das Haus zur\u00fcck gerannt. Roxio w\u00fcrde sicher gar nicht erst auf das Zeichen warten. Oder er war wirklich so bl\u00f6d und hielt seinen lauten Absturz f\u00fcr das Zeichen! Er hetzte \u00fcber das Wohnzimmerparkett, vorbei an den geschwungenen Silhouetten der Polsterm\u00f6bel und am kantigen Schatten der B\u00fccherregale und des edlen Kamins.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Schon stand er am unteren Treppenabsatz. Sein Blick fuhr hinauf. Genau dort sollte Roxio jetzt eigentlich stehen. Aber er sah nichts und niemand. Langsam und angespannt stieg er die Treppenstufen hinauf.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro schwitzte unter dem Bett in der k\u00fchlen Abendluft, die durch das offene Fenster herein wehte. Er sah die schweren Stiefel des M\u00f6rders, der brutal sein Gemach betreten hatte. Dumpf pochten seine Schritte \u00fcber das gl\u00e4nzende Parkett. Aber dr\u00f6hnend in Ferros Ohren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Roxio schritt am Bett vorbei und bemerkte das offene Fenster. Genau wie er es sich gedacht hatte, der Typ hatte die Fliege in den Garten angetreten! Mit wenigen Schritten war er am Fensterrahmen und sp\u00e4hte hinaus. Unten lag das zerschmetterte Kletterger\u00fcst mitsamt einigen abgerissenen Weinlaubstr\u00e4ngen verstreut auf dem Rasen. Vermutlich besorgte er sich gerade eine Waffe und k\u00e4me wieder \u00fcber die Gartent\u00fcre herein. Wo war blo\u00df Carlo, der die Hinterseite abdecken sollte! Ohne zu z\u00f6gern war er herum und wollte zur T\u00fcr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">In diesem Moment schwang die T\u00fcr auf. Blitzend durchzuckte Roxio ein Gedanke. Ferro!<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ohne abzuwarten schoss er. Gleichzeitig mit der Figur auf der T\u00fcrschwelle! Gleichzeitig blitzten zwei M\u00fcndungsfeuer auf. Gleichzeitig krachten die Pistolen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">T\u00f6dlich getroffen wurde die Gestalt auf der Schwelle von der Wucht nach hinten gerissen, donnernd polterte sie die vielen Stufen hinab, bis der leblose K\u00f6rper auf der untersten Stufe in einer dunkelroten, schweren Lache liegen blieb.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Roxio wollte l\u00e4cheln, doch er konnte nicht. Die Kugel des anderen war mitten in seiner linken Brust stecken geblieben. Ungl\u00e4ubig gaffend ging er zu Boden, w\u00e4hrend sein Blick ohnm\u00e4chtig fragend an der offenen T\u00fcrsilhouette hing und in das Dunkel starrte, wo die Gestalt hinabgest\u00fcrzt war. Er hustete, als seine H\u00e4nde auf das k\u00fchle Parkett st\u00fcrzten, ein dicker Schwall Blut troff aus ihm hervor. Auf allen Vieren w\u00fcrgte und brach er, w\u00e4hrend sich aus seinem Herzen immer mehr Blut ergoss. Blut und noch mehr Blut. Eine dunkler, gro\u00dfer See, der sich still auf den blanken Holzdielen ausbreitete.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro, bet\u00e4ubt von dem lauten Knallen der Pistolen, lag zitternd unter dem Bettenrost, ganz nah an der Wand, blickte fassungslos aus seinem Versteck hervor und sah wie ein breitschultriger, grobschl\u00e4chtiger Mann sich am Boden wand und ihn dann pl\u00f6tzlich anstarrte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Das Wei\u00df in seinen Augen spiegelte das Licht vom Fenster, w\u00e4hrend er auf die verschreckte hagere Gestalt kauernd unter dem Bett blickte. Ein letztes L\u00e4cheln fuhr \u00fcber seine Lippen. Er konnte nicht anders, als er starb. Carlo! Carlo lag da tot unten am Treppenabsatz. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Verst\u00f6rt sa\u00df Ferro in seinem Auto und fuhr die Landstra\u00dfe entlang. Neben sich auf dem Beifahrersitz lagen die Pistolen der Schl\u00e4ger, in einem schwarzen, kastenf\u00f6rmigen Koffer im Fu\u00dfraum waren alle Dokumente und B\u00fccher, die er in Windeseile aus seinem Schreibtisch hatte r\u00e4umen k\u00f6nnen. Voller Abscheu, Furcht und Ekel war er \u00fcber die Leichen und Blutpf\u00fctzen und Lachen gestiegen, die sich spritzend im Pistolenduell \u00fcberall auf dem Schlafzimmerparkett und der Treppe verteilt hatten. Noch im Morgenmantel in aller Herrgottsfr\u00fche stieg er in den Jaguar und raste los. Zum Bahnhof.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Dort angekommen versteckte er den Koffer und die Waffen in einem der unz\u00e4hligen Schlie\u00dff\u00e4cher und machte sich so schnell er konnte auf, weiter zum Postamt. Den Schl\u00fcssel zum Schlie\u00dffach steckte er in einen gro\u00dfen, braunen Umschlag und adressierte ihn an ein geheimes Postfach. Und mit einem Mal war alles vergessen und verharrte doch so nah.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend er durch die Innenstadt kurvte und nicht wusste wohin, musste Ferro f\u00fcr einen Moment daran denken, die Carabinieri zu verst\u00e4ndigen. Aber so mutig war er einfach nicht, keinesfalls solange er noch am Leben war. Den Personenschutz w\u00fcrde man bestechen, sein Auto mit einer kronzeugengerechten Bombe versehen, Attent\u00e4ter mit Scharfsch\u00fctzengewehren auf die umliegenden D\u00e4cher bringen. Wie das Fett in einer guten H\u00fchnerbeinsuppe auf dem Hof seiner Mutter schwamm die Polizei stets nur obenauf, die Familie hingegen war mittendrin und reichte tief hinab.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Der Gedanke an den Hof seiner Mutter ging ihm sp\u00e4ter nicht mehr aus dem Kopf.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Florenz war ein viel zu hei\u00dfes Pflaster f\u00fcr ihn. Seine Mutter war schon vor Jahren verstorben, regelm\u00e4\u00dfig besuchte er ihr Grab. Sie hatte den Hof ihrem einzigen Sohn hinterlassen, nur hatte dieser ihn seitdem nie wieder aufgesucht. Bis heute.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">So fuhr er aus der dichten Innenstadt hinaus, auf die viel befahrene Autobahn, dann bald \u00fcber einsame Landstra\u00dfen. Im Augenblick f\u00fchlte er sich uns\u00e4glich m\u00fcde und nichts schien ihm wohler als eine M\u00fctze voll Schlaf im Heuschober in der Scheune wie fr\u00fcher.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Kurz nach Mittag erreichte er den Hof. Im Dorf unten am H\u00fcgel hatte er noch etwas Pasta gegessen und war dann zwischen den Olivenb\u00e4umen hindurch einen staubigen Feldweg an hohen Wiesen vorbei entlanggefahren. Sofort erinnerte er sich wieder an jedes Detail aus seiner Kindheit, das sich um diesen Hof, um diese staubige Stra\u00dfe, um diese Felder und um diesen H\u00fcgel rankte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er rannte und stolperte als kleiner Junge in kurzen Hosen \u00fcber die Plantagen, st\u00fcrzte und schlug sich beide Knie blutig. Mamma setzte ihn mit zwei dicken Pflastern in den Verandaschaukelstuhl.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Im Schatten des rundherum wei\u00df verputzten Hauses lie\u00df es sich pr\u00e4chtig in der schwelenden Mittagsglut aushalten, w\u00e4hrend drau\u00dfen nachts die Zikaden, tags die Grillen zirpten, Insekten brummend durch die trockene, hei\u00dfe Luft schwirrten und dicke Bienen von Bl\u00fcte zu Bl\u00fcte an den Tomatenstauden in Mammas Garten tanzten. Er sp\u00fcrte die kalten, quadratischen Tonfliesen unter seinen nackten Zehen, w\u00e4hrend er im Schaukelstuhl auf und ab wippte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es waren so viele Jahre vergangen. So viele Jahre, seit er das letzte Mal hier gesessen hatte. So viele Jahre war sie jetzt schon tot. Es war eigenartig, seit er den Weg entlanggefahren und die wei\u00dfe, strahlende Silhouette des Hauses \u00fcber dem H\u00fcgelkamm aufgegangen war, f\u00fchlte er sich wie zuhause. Aber er seufzte leise, denn er wusste, da\u00df es das letzte Mal sein w\u00fcrde, da\u00df er dieses einlullende Gef\u00fchl empfand.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Leise quietschend wippte der Stuhl angestrengt nach, als er aufstand, um sich das Innere des Hauses anzuschauen. F\u00fcr den Heuschober brauchte er eine dicke Decke gegen das piekende Stroh, f\u00fcr seinen Hunger noch ein fr\u00fches Abendbrot.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Alles im Innern war voller Erinnerungen. Jeder Kratzer, am alten K\u00fcchenschemel oder an der Wohnzimmerkommode. Er hatte sich, als er sieben war, einen Zahn an der Esszimmertischkante ausgeschlagen. Mamma war in wilder Panik mit ihm gleich hinunter ins Dorf und weiter in die n\u00e4chste Kleinstadt zum Zahnarzt gefahren. Er erinnerte sich, wie gestern geschehen, an den energischen Ausdruck in ihrem Gesicht, w\u00e4hrend sie der promovierte, verselbstst\u00e4ndigte Zahnmediziner belustigt angrinste: Da\u00df sie solche Umst\u00e4nde wegen eines Milchzahns machte. Aber so war Mamma. Er hie\u00df Roberto. Er hatte den Mann danach noch ein paar Mal auf dem Hof gesehen. Damals hatte er nie verstanden warum, heute begriff er, da\u00df sich seine Mutter ohne Mann sehr einsam gef\u00fchlt haben musste.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da stand er immer noch im dunklen Esszimmer, seine Augen ruhten auf dem fleckigen, staubigen Holz des Tisches, in Gedanken versunken. Es sah fast aus wie sein Esszimmer in Florenz, fast wie sein Tisch, fast wie sein roth\u00f6lziger Wandschrank, fiel ihm auf. Und je mehr er durch die R\u00e4umlichkeiten schlenderte und mal wehm\u00fctig, mal belustigt tagtr\u00e4umte, musste er die \u00c4hnlichkeiten erkennen, zwischen hier und dort, zwischen Zuhause alt und neu. Tief in sich hatte er all das seit Jahren vermisst und dennoch nie betreten k\u00f6nnen. Wie einfach war es, vor ihr Grab zu treten und dort ihren Namen und ihre Daten in Stein gemei\u00dfelt zu lesen. Und wie schwer war es gewesen, hier zu sein, wo er nur immer wieder hatte begreifen m\u00fcssen, da\u00df sie fort war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Schlagartig war all diese Schwere fort, als w\u00e4re er ihr auf einmal wieder sehr nahe.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Den Rest des Tages verbrachte er mit stummen Spazierg\u00e4ngen rund um das Haus und die nahen Oliven- und Feigenbaumplantagen. Er betrachtete den verdorrten Garten, den riesigen, leeren Hinterhof bedeckt voll hellem Kies, die braun lackierten St\u00e4lle und Lager. Der blaue Himmel stand strahlend wie an keinem Tag zuvor \u00fcber ihm. Und als die Sonne gem\u00e4chlich den Abstieg gen Westen begann, stand er schlie\u00dflich vor der wei\u00dfen Scheune mit ihrem flachen, braunen Satteldach. Sein Blick fuhr herauf und er dachte, \u201eda werde ich heut Nacht schlafen. Ein letztes Mal.\u201c Es war ein beruhigender Gedanke, der nichts mehr von gestern hatte, das er so weit wie m\u00f6glich zu verdr\u00e4ngen suchte. Es fiel ihm leicht, innerlich f\u00fchlte er sich taub und leer, als h\u00e4tte man stundenlang auf ein rohes Schnitzel eingedroschen. Seine Knie wurden weich, seine Beine zitterten, wenn er stehen blieb, und seine H\u00e4nde zauderten, wenn er nach etwas greifen wollte, als w\u00e4ren es die blutverschmierten Pistolen, die er den verzerrten, erstarrten Fratzen der Leichen aus den Fingern hatte brechen m\u00fcssen. Er schauderte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aus dem Haus hatte er eine gr\u00fcne Decke, eine Taschenlampe und ein Fernglas mitgebracht. Als er durch das gro\u00dfe Tor des Schobers trat, blieb er erstmal stehen und schaute sich um. Das Licht der Taschenlampe strich \u00fcber all die Schatten innen drin. Einige ausged\u00f6rrte, zerzauste Strohballen, halb auf dem Boden verstreut. In der Ecke bemerkte er den alten Traktor, Rost hatte an ihm genagt, blutrot und lackgr\u00fcn prangte er kurz im fahlgelben Lichtkegel. Aber eine dicke Staubschicht bedeckte alles, f\u00e4rbte es dunkel, grau in grau. Dar\u00fcber hinaus war die Scheune leer und still.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Eine staubige Holzleiter f\u00fchrte hinauf in den Heuspeicher und von dort eine zweite weiter hinauf auf den Dachfirst. Er wollte heute Nacht ein letztes Mal, ausgiebig die Sterne betrachten. Er seufzte bei dem Gedanken. Alles war wie ein Abschied an diesem Tag. Doch dann legte er sich dort oben ins Stroh auf die gr\u00fcne Filzdecke, schloss die Augen und obwohl es drau\u00dfen noch heller Nachmittag war, war er sofort eingeschlafen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er hatte einen ruhigen Schlaf, dunkel, pechschwarz, ohne einen einzigen Traum. Und als er erwachte, die Sonne war gerade untergegangen und der Himmel fiel schnell in allertiefstes Blau hinweg, f\u00fchlte er sich endlos wohl und gl\u00fccklich. Alles war federleicht, gar schwerelos und so wundersch\u00f6n hier oben. Nichts als dichtes Schwarz und fern glitzernden Punkten war vom Taghimmel geblieben, die vorher das strahlende Blau noch \u00fcbert\u00fcncht hatte. Mit einem Mal konnte er \u00fcber die Zeit l\u00e4cheln anstatt sich von der Stechuhr verfolgt zu f\u00fchlen, wenn Banken p\u00fcnktlich \u00f6ffneten und schlossen, Finanz\u00e4mter die Fristen wahrten und Post\u00e4mter das P\u00e4ckchen erst am n\u00e4chsten Tag ausliefern w\u00fcrden. Alle Sorge war von ihm abgefallen, seine Schultern frei und unbeschwert. Hier und jetzt war alles zeitlos, und er musste warten, aber nicht, weil es schon zu sp\u00e4t war, sondern weil noch etwas bevorstand, ohne dass man es h\u00e4tte beschleunigen oder verz\u00f6gern k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es seufzte und w\u00fcnschte sich, wieder ein kleiner Junge sein zu d\u00fcrfen, am Rockzipfel seiner Mamma und als einzige Sorge den Unterricht bei der alten Schachtel Signora DeChelver\u00e9 zu haben. Er f\u00fchlte sich nicht stark genug f\u00fcr das Leben, vielleicht war das der Grund, warum ihm der Verrat so leicht gefallen war, wenn nichts auf dem Spiel stand, fiel alles leicht. Alles.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er war nicht nach seiner Mutter geschlagen, die niemals auswich, die die Dinge anpackte, auch wenn sie daran kaputtging, oder sein Vater, der einfach Rei\u00dfaus nahm. Sondern er war jemand, der einfach stehen blieb und tr\u00e4umte, alle Probleme w\u00e4ren l\u00f6sbar, und wenn man nur ein paar Zahlen f\u00e4lschen musste. Alles w\u00e4re l\u00f6sbar, irgendwie. Man durfte nur nie aufgeben, nach einem Ausweg zu suchen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da musste er \u00fcber sich selbst l\u00e4cheln, denn nichts anderes als aufgeben tat er doch gerade, und nichts anderes war die L\u00f6sung.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">So sa\u00df er auf dem Dach in der lauwarmen Abendluft, hatte den Feldstecher an die Augen gepresst und starrte in den Nachthimmel. Das Band der Milchstra\u00dfe zog sich dicht \u00fcber ihm hinweg. Orion, die Leier, der rote Arktur und Abermillionen anderer Sterne prangten dort, die noch kein Stadtkind je zuvor erblickt haben konnte, oder je vermissen w\u00fcrde. Au\u00dfer ihm.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Pl\u00f6tzlich blitzte ein grelles Scheinwerferlicht \u00fcber der H\u00fcgelkante auf, ein schnelles Raunen gesellte sich hinzu. Ein schweres Auto kam vom Dorf herauf! Prasselnd h\u00f6rte er aus der Ferne den Kies unter den durchdrehenden Reifen wegspritzen. Wedelnd flink jagte das Auto die engen Kurven hinauf, w\u00e4hrend dr\u00f6hnend der Motor empor schallte und flackernd das Scheinwerferlicht zwischen den Silhouetten der Olivenb\u00e4ume hindurch auf und nieder tanzte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Unaufh\u00f6rlich kam das Ende vorgeprescht. Das Auto war bald heran, als pl\u00f6tzlich die Scheinwerfer in gro\u00df die Vorderfront des Hauses anstrahlten. Dann war auch schon der Motor aus, die Lichter verschwunden. Schlagartig wurde es wieder stockdunkel.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Das Auto verharrte als stumme, dunkle Silhouette gegen den hellen Kies der Hauseinfahrt. Vier T\u00fcren klappten auf. Harte Sohlen traten auf knirschende Kiesel. Schon schlugen die Autot\u00fcren wieder zu. W\u00e4hrend der Motor vom Schwei\u00df knackte und knarrte, kamen die Schritte langsam n\u00e4her und trennten sich gleichzeitig. Vier M\u00f6rder schlichen also gerade auf sein Haus zu. Vier Killer auf der Suche, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in jedem Winkel. Vier Attent\u00e4ter auf der Jagd.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">In sein Haus, um sein Haus herum, auf dem Hinterhof und durch den Garten drangen sie ein. Knarrend \u00f6ffnete sich die Vordert\u00fcr, w\u00e4hrend drei Paar Schritte weiter durch den Kies traten, ehe die T\u00fcr wieder knallend ins Schloss fuhr. Pl\u00f6tzlich war das zweite Paar ebenso verschwunden. Nur noch ged\u00e4mpft pochten die Schritte \u00fcber ausgetrocknete Erde und verklangen bald im Gras. Ein Fenster schwang laut polternd auf. Eine dunkle Silhouette, die er gerade eben noch an der Hausseite entlang erkennen konnte, zw\u00e4ngte sich hinein und war fort. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">\u00dcbrig blieb nichts als die Stille eines einzelnen Schrittepaars, das sich um sein Haus herum bewegte, am Hof vorbei, immer n\u00e4her auf die Scheune zu, Schritt f\u00fcr Schritt, mit jedem knirschenden Tritt, genau auf ihn zu.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er sp\u00fcrte seinen Atem in sto\u00dfenden Z\u00fcgen. Er f\u00fchlte die Angst, die ihn kalt durchfuhr in dieser ach so lauwarmen Nacht. Er schmeckte seinen trockenen Mund und versuchte den bitteren Speichel herunterzuschlucken. Alles fiel ihm wieder ein! Das schwei\u00dfnasse Laken, die Ger\u00e4usche im Haus in Florenz, das Liegen, Ausharren und Zittern unter dem Bett, die Leiche direkt vor seinen Augen! Und nicht zuletzt das verspritzte Blut, \u00fcberall. Schier \u00fcberall in seinem Haus!<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er starrte die Luke hinab, in die Scheune unter ihm. Doch zu sp\u00e4t! Die Schritte waren bereits am Tor angekommen. Knirschend fuhren sie \u00fcber den Staub und raschelnd \u00fcber das Stroh. Knarrend ber\u00fchrten sie die Sprossen der ersten Leiter. Kratzend traten sie auf die Balken und Bretter des ersten Stockwerks und blickten zur Luke hinauf, durch die schwach der nachtschwarze Himmel herein schaute. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro war l\u00e4ngst nicht mehr dort, der Blick starrte vergeblich hinauf. Er war auf einem Balken entlang quer \u00fcber das Dach hinauf zum First und dar\u00fcber hinweg geschlichen. Und nun kauerte er just dahinter und starrte auf die \u00d6ffnung.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Eine dunkle Gestalt stie\u00df pl\u00f6tzlich daraus hervor. Bleich keuchte ihr Atem in der schnell k\u00fchler werdenden Nacht. Mehr und mehr stieg sie aus dem Loch hervor, gr\u00f6\u00dfer und dunkler wurde ihre drohende Silhouette, bis die Gestalt schnaufend auf dem Dach stand und sich umblickte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Der Schatten hielt in der linken Hand l\u00e4ssig den langen Lauf eines Gewehrs. Er starrte vom Dach herab, zum Haus hin\u00fcber. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Schier lautlos umgab ihn die zwielichtige Nacht. Ein Vogel flatterte aus dem gro\u00dfen Strauch im Vorhof auf und davon. Die Gestalt schreckte kurz, aber r\u00fchrte sich nicht vom Fleck. Grillen zirpten sanft \u00fcberall in den dichten Wiesen um ihn herum. Funkelnd still standen die Sterne \u00fcber ihm. Die Gestalt bewegte sich nicht. Noch immer wandte sie ihm den R\u00fccken zu und starrte von der Scheune herab zum Haus. Pl\u00f6tzlich hob sie das Gewehr! Der Kolben kam auf die Schulter, die Backe an den Lauf, das Auge \u00fcbers Korn, der Finger nerv\u00f6s am Abzug. Und da verharrte sie auch schon gespannt wieder, regungslos.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Donnernd ert\u00f6nte ein lauter Knall! Heller Rauch kr\u00e4uselte aus dem Ende des Laufes. Ein langer Schmerzensschrei st\u00f6hnte durch die Nacht, w\u00e4hrend die Gestalt verbissen triumphierte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Pl\u00f6tzlich tappten Schritte \u00fcber das Holz. Noch vorsichtig, da schneller und eiliger! Erschrocken schnellte die Gestalt herum. Ferro kam mit voller Wucht angerannt und rammte seine Schulter dem gro\u00dfen, breitschultrigen Kerl in den Magen. Der schm\u00e4chtige Sto\u00df lie\u00df ihn r\u00fcckw\u00e4rts taumeln. Einen Schritt, dann zwei, dann einen zuviel. Erschreckt aufbr\u00fcllend fiel er r\u00fcckw\u00e4rts und hinab. Er st\u00fcrzte tief. Dumpf schlug sein K\u00f6rper nach ein, zwei Sekunden auf dem Erdboden auf. Leise drang sein St\u00f6hnen herauf.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Sofort war Ferro herum und durch die Luke hindurch beim Abstieg nach unten. Knarrend klagten die Sprossen, w\u00e4hrend er die Leitern hinunterst\u00fcrzte und aus dem Tor hinaus rannte. Kaum drau\u00dfen bemerkte er, dass das St\u00f6hnen verstummt war. Auch den Schrei vom Haus her h\u00f6rte man nicht mehr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er ging vorsichtig um die Scheune herum. In seinem Sch\u00e4del dr\u00f6hnte das Blut, in seiner Brust trommelte sein pochendes Herz. Aufgeregt keuchend konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Er wollte zur Leiche, ob nun wegen des Gewehrs oder um nach dem Mann zu sehen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Um die erste Ecke herum sah er ihn liegen. Verkr\u00fcmmt, geknickt, zerbrochen. Er schien noch zu atmen, in kurzen St\u00f6\u00dfen, w\u00e4hrend sich sein R\u00fccken durchbog und seine Brust vom Boden aufbegehrte. Lautlos keuchend wand er sich vor Agonie auf der Erde.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da blieb er verkrampft und still liegen. Langsam, Fu\u00df um Fu\u00df schlich Ferro n\u00e4her. Sein karges Gesicht war voller kullernder Tr\u00e4nen. Der Kiefer verkrampft, die Augen zusammengekniffen, die Lippen stumm. Doch seine H\u00e4nde wollten die Waffe, gierig und zornig griffen sie danach. Sie und das nagende, wispernde Schuldgef\u00fchl dr\u00e4ngten ihn weiter.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Als er ganz nah heran war, sah er, dass alle Vorsicht umsonst gewesen war. Der Mann war tot. Er b\u00fcckte sich herab und entriss ihm das Gewehr, das er immer noch in der Linken umklammert fest hielt. Beim Aufstehen sah er unbewusst zum Haus hin\u00fcber. Erstarrt hielt er in der Bewegung inne. Unter dem n\u00e4chstliegenden Fenster lag eine schmale Gestalt! Aber sie regte sich nicht. Es wirkte, als ob sie gerade da heraus gefallen sei, denn der Rahmen stand immer noch offen dar\u00fcber. Nach einer Weile bemerkte er schlagartig, die dunklen Spritzer am wei\u00dfen Putz der Wand. Blut! Dort lag, worauf der riesige Kerl vom Scheunendach aus gefeuert hatte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er blickte auf die Leiche zu seinen F\u00fc\u00dfen herab und dachte ungl\u00e4ubig: \u201eDu hast Deinen eigenen Mann erschossen.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">So blieb Ferro hocken, das beim Sturz verzogene Gewehr in einer Hand, und blickte abwechselnd von der gro\u00dfen Leiche neben ihm auf die kleine in einiger Entfernung unter dem Fenster und zur\u00fcck. Er konnte sich von dieser Groteske einfach nicht l\u00f6sen. Noch zwei weitere Killer gingen auf dem Hof umher, aber er blieb sitzen und k\u00fcmmerte sich nicht mehr darum. Stattdessen musste er immer wieder \u00fcber das vergebliche Leben dieser Menschen denken, die so bereitwillig Leben, ob ihr eigenes oder das anderer, wegwarfen. Was w\u00fcrden sie ihrer Mamma erz\u00e4hlen, wenn sie am Wochenende wie \u00fcblich zur Familie fuhren? Was erkl\u00e4rten sie auf Beerdigungen, die sie verursacht hatten, den weinenden Kindern, Enkeln, T\u00f6chtern, S\u00f6hnen im stummen Dunst eines totenstillen Friedhofs? Was dachten sie abends in ihren Wohnungen, in ihren Betten vor dem Einschlafen, in ihren Tr\u00e4umen mitten in der Nacht? Welche Art von Frau w\u00fcrde solche M\u00e4nner lieben?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aller Ekel und Abscheu versammelte sich in einem nicht enden wollenden Kopfsch\u00fctteln aus Fragen \u00fcber Fragen, zu dem ihm keiner je eine Antwort geben konnte. Und nicht zuletzt verstand er auf einmal den Boss nicht mehr, f\u00fcr den er doch alle die Jahre die Zahlen vor dem Gesetz gerade ger\u00fcckt hatte, aber der solche Leute anstellte und das nicht nur zum Personenschutz \u2013 oder zumindest in seinem Fall \u00e4u\u00dferst pr\u00e4ventiv.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Im Hintergrund, weit entfernt, und dumpf wie aus dem Haus heraus, h\u00f6rte er Sch\u00fcsse unterschiedlichen Kalibers krachen. Erst vereinzelt, dann in schneller Folge. Er jedoch blieb unger\u00fchrt. Wie konnte die Kindheit solcher Leute sein? Wie konnte sie ihren Familien in die Augen schauen mit der gleichzeitigen Erinnerung an die Fratzen der Leichen, die sie erschossen hatten? So wie er die M\u00f6rder in seinem Florentiner Haus niemals vergessen w\u00fcrde.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Pl\u00f6tzlich kreischte eine erregte Stimme: &#8222;Luigi!&#8220; Dann &#8222;Nein! Nicht!!&#8220; Wieder donnerten dumpf die Sch\u00fcsse, dann folgte Stille und nichts weiter in dieser lautlosen, lauwarmen Sp\u00e4tsommernacht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ohne sich noch einmal in Haus oder Hof umzuschauen, hatte er den Ort seiner Mutter verlassen. Er wollte keine weiteren entstellten, toten Fratzen in seinem Kopf, die ihn immer wieder kalt, tonlos und leer anstarren w\u00fcrden. Nicht jetzt, wo immer noch ein eigenartiges Gef\u00fchl von W\u00e4rme und Geborgenheit in ihm summte, als ob er w\u00fcsste, dass seine Kindheit sch\u00f6n war und er geliebt wurde, als h\u00e4tte er den Tod nicht erlebt oder den M\u00f6rder vom Dach gest\u00fcrzt. Die rastlosen Gedanken, die ihn die ganze Zeit schon gefangen genommen hatten, lie\u00dfen ihn nicht wieder los. Und die ganze Nacht, die er hindurch fuhr, immer weiter fort, w\u00e4hrend H\u00fcgel zu Bergen wurden, Schnellstrassen zu sich windenden, schl\u00e4ngelnden P\u00e4ssen, und am Ende alles zum rauschenden Meer hinab fiel, schien er mit offenen Augen zu tr\u00e4umen. Vom Hof seiner Mutter, mitten im sp\u00e4ten Sommer, als er \u00fcber die struppigen Wiesen rannte, im Schatten der Olivenb\u00e4ume an der staubigen Strasse entlang, immer weiter und weiter, ohne jemals wirklich den Hof zu erreichen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Mitten auf einem Strand parkte er, als das Auto im Sand stecken blieb. Er stieg aus, lief ein paar Schritte auf die heranrauschende Brandung zu, in diesem Bild aus schwarzem Himmel, glitzernden, silbernen Meer und grauen Sandstrand. Er setzte sich im Schneidersitz nur ein paar Schritte von der dampfenden, knackenden K\u00fchlerhaube entfernt, das Auto im R\u00fccken, den Blick schnurgeradeaus.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es erschien, als k\u00f6nne er ewig vor den Schl\u00e4gern des Bosses davonlaufen, als h\u00e4tte er zwar etwas getan, nur noch lange nicht eine Entscheidung getroffen. Denn vor deren Konsequenz lief er doch immer wieder davon. Er f\u00fchlte sich wie eine Maus, die ja solange am Leben bleiben w\u00fcrde, wie sie das Schicksal Katze mit Fluchtversuchen bei Laune halten konnte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Musste er es nicht endlich einsehen, dass er gerade genau das gleiche tat wie einst sein Vater? War nicht ein Mann zu sein gleichbedeutend damit, den Folgen der eigenen, gewollten Taten ins Auge zu sehen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er musste einfach zur\u00fcckfahren. Er musste.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Als er einen letzten Blick hinauf gen Wolken warf, bemerkte unter ihnen einen Umriss seinem Vater zum Verwechseln \u00e4hnlich. Er erkannte ihn sofort vom Portrait in seinem Schlafzimmer in Florenz. So gro\u00df, stattlich und erhaben er dort abgebildet war, so klein und schm\u00e4chtig wie Ferro selbst war er in Wirklichkeit gewesen. Das Eigenartigste aber war seine lange Nase, die ihm im Ged\u00e4chtnis blieb. Er wusste nicht, warum er gerade jetzt an seinen Vater denken musste. Er sp\u00fcrte nicht, wie sich seine Gedanken an jedwede Vertrautheit zu klammern suchten, just wo seine ganze Existenz kurz davor stand ins rauschende, anbrandende Meer direkt vor ihm zu st\u00fcrzen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er sah auf die schaumgekr\u00f6nten Wellen, die an pechschwarzen Wolken, die dicht \u00fcber dem Meer hingen, kratzten und zerrten, dass diese aufrissen und sich ein sanfter rosa Schleier des noch ungeborenen Morgens am Horizont abzeichnete. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Erneut zeichnete sich das kantige, v\u00e4terliche Gesicht vor seine Augen ab und schaute ihn stumm an. Entdeckte er da einen Vorwurf? Da\u00df er etwas wegwarf, das er doch so sehr brauchte. Schalt er ihn mit Dummheit und Ignoranz? Und dass wo er selbst alles verworfen hatte, als er damals im Sommer eines Tages von seinen \u00fcblichen Fluchtversuchen vor Hausarbeit und Putzerei in die Kneipe des Dorfes nicht mehr zur\u00fcckgekehrt war. Das Schlimmste war aber, dass es seiner Mutter erst am n\u00e4chsten Morgen aufgefallen war. Er hatte sie wecken wollen und war in ihr Schlafzimmer getollt. Sie war aufgeschreckt und sah dann auf die zweite Betth\u00e4lfte. Immer noch erinnerte er sich an ihre erstarrten Augen, die danach nie mehr so l\u00e4cheln w\u00fcrden wie fr\u00fcher. Im Nachhinein wusste er, da\u00df sie es schon immer bef\u00fcrchtet hatte, nur glauben wollte sie es nicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Im Sand und alten Erinnerungen w\u00fchlend schreckte er pl\u00f6tzlich hoch. Ein alter Mann stand vor ihm, die gelben Z\u00e4hne l\u00e4chelnd gebleckt, beugte sich zu ihm herab und brummte: \u201eGuten Morgen. Ist das ihr Auto?\u201c Ferro antwortete blo\u00df verdattert: \u201cJa!\u201c \u201eSchade.\u201c Der alte Kauz nickte, als h\u00e4tte er es andernfalls klauen wollen, und wandte sich zum m\u00fcden Weiterschlurfen. Doch Ferro konnte ihn im Moment ebenso wenig verschwinden lassen wie seine innehaltende Verwunderung. Als m\u00fcsste so unbedingt gleich hier und jetzt jedes vergangene Puzzlest\u00fcck an seinen Platz fallen, jene, die er die ganze Fahrt \u00fcber vergeblich gesucht hatte, w\u00e4hrend er immer weiter vom Hof davon strebte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Warten Sie.\u201c Rief er aus und stand eilig auf. \u201eWo bin ich hier \u00fcberhaupt?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Auf der Erde, wenn sie so fragen.\u201c Der alte Mann l\u00e4chelte h\u00f6hnisch.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aber welche Stadt?\u201c Antwortete Ferro, der die Bemerkung einfach \u00fcberging.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">In Cecina, am goldensten Platz, wo sonst?\u201c Und wieder grinste der alte, seine Alkoholfahne schlug ihm diesmal deutlich ins Gesicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da wandte der alte Mann sich ab und ging, stolpernd Schritt f\u00fcr Schritt durch den wegrutschenden Sand, als wolle er weiter zum n\u00e4chsten Auto, das auf dem Strand geparkt hatte, um dem N\u00e4chsten Leben und Lage deutlich werden zu lassen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er war bald ebenso verschwunden wie die letzten Erinnerungen, Schatten und das letzte Zwielicht der Nacht. Die Sonne war \u00fcber den Bergen aufgegangen und ein neuer strahlender Morgen hatte begonnen. Das Meer lag rot-golden glitzernd vor ihm. Stumm nickend machte er sich auf und wollte sich in dem nahen Ort umsehen. Er wollte dem wispernden Gedanken nicht trauen, dass er doch hier in der Unbekannte sicher war. Der Hof seiner Mutter war als Zuflucht zu offensichtlich gewesen, auch wenn er nie jemandem davon erz\u00e4hlt hatte. Aber dieses Fischerd\u00f6rfchen irgendwo gut hundert Kilometer n\u00f6rdlich von Florenz? Wie weit, wie tief reichten die Augen und Arme der Familie? W\u00fcrden sie ihn hier finden k\u00f6nnen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er schlenderte \u00fcber die kopfsteingepflasterte Promenade, entlang an einer tiefen Mauer, die den B\u00fcrgersteig von der Stra\u00dfe daneben trennte. Er sa\u00df sich bem\u00fcht neugierig, die krummwinkligen, kleinen, windschiefen H\u00e4user und G\u00e4sschen an, die sich gegen den Hang stemmten, scheinbar alle f\u00fcr den sch\u00f6nsten Blick auf dieses unermessliche Meer. Hier k\u00f6nnte er doch frei sein? Hier k\u00f6nnte er doch aus seinem Fenster blicken, zwischen den grauen Vorh\u00e4ngen hindurch von der Ferne tr\u00e4umen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Pl\u00f6tzlich nahm er ein schmatzendes Ger\u00e4usch von unter seiner Sohle wahr, laut und klar mit jedem Tritt. Er blieb stehen, hob angewiderte den linken Schuh und schaute sich die Misere an, in die er getreten war. Ein Kaugummi klebte darunter, schmutzigrau und nichts als ein z\u00e4her, gro\u00dfer, klebriger Fleck. Er h\u00fcpfte \u00e4rgerlich hin\u00fcber zur Mauer und wollte ihn an deren Kante verdrossen abstreifen, aber es wurde dabei nur noch schlimmer. Die widerspenstige Masse verteilte sich in den Ritzen der Sohle und selbst mit einem kleinen St\u00f6ckchen h\u00e4tte er sie nicht mehr heraus pulen k\u00f6nnen. Entnervt gab er auf und setzte er sich. Er zog die teuren Treter samt Socken aus und warf sie hinter die Mauer, alle beide, au\u00dfer Sicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Mit dem Morgen war auch der kleine Ort erwacht. Allm\u00e4hlich kamen die ersten Menschen aus den H\u00e4usern auf die Stra\u00dfe. Alte Menschen zu einem Spaziergang vor dem Fr\u00fchst\u00fcck, die letzten Fischer auf dem Weg zu ihren Booten, die im Hafen, noch ein gutes St\u00fcck die Promenade hinab, vert\u00e4ut lagen. Eine \u00e4ltere Dame mit einem blauen Kittel, vielleicht auf dem Weg zu ihrem Gesch\u00e4ft. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, deswegen betrachtete er sie l\u00e4nger und verfolgte sie mit Blicken. Etwas \u00e4hnelte sie der Mutter von DeCielo, mit ihrem zum Dutt aufgesteckten Haaren und dem faltigen, ewig l\u00e4chelnden Wangen. Mit einem Mal aber blieb die Dame nun stehen und drehte sich um. Verwundert betrachtete sie ihn, rief dann einem Bekannten, der hinter ihr gelaufen war etwas zu, deutete \u00fcber die Stra\u00dfe hinweg auf ihn. Als dieser sich ebenso nach ihm umsah, fingen beide an herzhaft zu lachen und gingen gemeinsam weiter.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Die Sonne stieg weiter im azur-klaren Himmel auf. Immer wieder, w\u00e4hrend er weiter durch das Dorf schlenderte, wurden ihm argw\u00f6hnische Blick zugeworfen. Manche offen gaffend, andere hinterh\u00e4ltig aus den Augenwinkeln. Sie st\u00f6rten immer wieder das unvermutete Gef\u00fchl, alle w\u00fcrden ihn schon kennen und seine Anwesenheit blo\u00df nickend notieren, wie im stummen Gru\u00dfe einen alten, allt\u00e4glichen Bekannten. Vielleicht erging es einfach jedem Neuank\u00f6mmling in trister D\u00f6rflichkeit so.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Schlie\u00dflich hatte er genug davon, sich von Blicken verfolgt zu f\u00fchlen, und lie\u00df sich bei einem kleinen Stra\u00dfencafe auf einen der freien St\u00fchle fallen. Es war ein h\u00fcbscher, kleiner Fleck, ganz nach seinem gegenw\u00e4rtigen Geschmack. Ein d\u00fcrres, gr\u00fcn lackiertes Z\u00e4unchen grenzte die St\u00fchle und Tische von einer Seitenstra\u00dfe ab. V\u00f6llig allein sa\u00df er in diesem Dickicht aus geb\u00fcrstetem Alu und lie\u00df die H\u00e4nde geduldig ineinander gefaltet, wartend auf dem Tisch. Ein kurzer Durchgang f\u00fchrte in ein schattiges Inneres, in dem er nichts erkennen konnte, noch durch die gro\u00dfen Scheiben links und rechts davon bedeckt mit dem wei\u00dfen Namensschriftzug des Cafes, in denen sich die vorbeilaufenden Passanten und der Beginn des Hafens spiegelten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es war ein bisschen k\u00fchl und so bestellte er einen sch\u00f6nen, hei\u00dfen Capuccino, sozusagen um wach zu werden. Ein junges M\u00e4dchen in blauer Jeans und wei\u00dfer Bluse hatte ihn bedient und war sogleich wieder ins Haus verschwunden wie sie auch erschienen war. Aber nichtsdestoeher war sie auch schon wieder zur\u00fcck, mit einem Tablett voll wei\u00dfem, dampfendem Service.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er zahlte sogleich mit einem ordentlich Trinkgeld, das sie verschmitzt l\u00e4chelnd in der dunklen Ledertasche verstaute, die sie aus ihrer schwarzen Bauchsch\u00fcrze hervorgekramt hatte. Denn er wollte, wann immer ihm danach sein w\u00fcrde, einfach aufspringen und weitergehen k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aber jetzt verz\u00fcckt und gierig lie\u00df er sich den ersten Schluck schmecken, als pl\u00f6tzlich ein hagerer Mann vor ihm stand, still l\u00e4chelnd wie scheinbar alle Menschen hier. Er war noch etwas j\u00fcnger, ungew\u00f6hnlich gut gekleidet, aber was ihm am deutlichsten auffiel, war das kantige Gesicht, die kurz geschorenen Haare \u00fcber der fliehenden Stirn und seine lange Nase. Dieser Mann stand dort und betrachtete ihn, ohne sich dabei Anstand und Respekt bewusst zu sein, dass man fremde Leute nicht einfach so begaffte. Emp\u00f6rt r\u00e4usperte er sich, da brach es schon aus ihm heraus: \u201eKann ich Ihnen vielleicht helfen?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">K\u00f6nnten Sie mir sagen, wie sp\u00e4t es ist?\u201c Fragte er mit stolzen, gesetzten Worten. Ferro nannte die Zeit auf seiner Armbanduhr, wie sp\u00e4t es denn auch immer wirklich war. Er wunderte sich aber, wozu man in einem kleinen Fischerdorf die exakte Zeit br\u00e4uchte, nach deren Genauigkeit &#8211; und insbesondere der seiner Uhr &#8211; sich der Mann n\u00e4mlich sogleich weiter erkundigte. Aber anstatt dann zufrieden von dannen zu ziehen und ihn in Ruhe genie\u00dfen zu lassen, l\u00e4chelte der karge Mann blo\u00df, blickte ihn einmal von oben bis unten an, nickte und sagte mit einem hintergr\u00fcndigen Blick: \u201eSie sind ein mutiger Mann!&#8220;<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Mit einem Schlag war alle genervte Herabl\u00e4ssigkeit fortgefegt! Alle Gelassenheit. Alle Sorglosigkeit, die sich nach dem ersten Schluck Capuccino in seinem Mund, seinen Gedanken, seinem wohlig gew\u00e4rmten Magen breit gemacht hatte, wie sonst an keinem anderen Morgen. Erschrocken fuhren seine Augen von der Tasse herauf und starrten den Mann entgeistert an. Wusste denn jetzt schon die ganze Welt, was er getan hatte und vor allem wem?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wie bitte?!\u201c Das unausl\u00f6schliche L\u00e4cheln des hageren Mannes brachte ihn um den Verstand.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Na, sie hier ohne Schuhe und Socken, aber im besten Anzug mit nackten F\u00fc\u00dfen auf kaltem Stein. So werden Sie sich sicherlich noch den Tod holen! Einen sch\u00f6nen Tag noch.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Entsetzt gaffte ihm Ferro. Verst\u00f6rt, als er endlich Mut gefunden hatte, die Capuccinotasse zu leeren, stand er auf und ging. Weg von der Hafenpromenade.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er lief die Seitenstra\u00dfe hinauf, ein kleines, verwinkeltes G\u00e4sschen, indem sich zu beiden Seiten hohe, grau verputzte H\u00e4user, Schulter an Schulter den steilen Hang hinauft\u00fcrmten. Wie zwischen stummen Riesen hindurch tauchte er in das Innere des fremden Dorfes hinein. Er war D\u00f6rflichkeit gewohnt, aber wohl nicht an der K\u00fcste, wie er bemerkte. Hier roch alles nach Fisch oder erinnerte daran, wenn man im Vorbeigehen an zum Trocknen aufgeh\u00e4ngter Kochw\u00e4sche schnupperte. Vom Hafen fern herauf h\u00f6rte er M\u00f6wen schreien und zanken. Aber die letzten Fischerboote fuhren aus und nahmen sie in Scharen im Schlepptau hinauf die noch ruhige See, um in den Netzen einen fetten Bissen bequem zu erhaschen. So wurde das aufgeregte Fl\u00fcgelflattern und streitende Heulen leiser, bis es schlie\u00dflich verklang.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Stille kehrte so pl\u00f6tzlich ein wie er sie am fr\u00fchen Morgen am Strand gesp\u00fcrt hatte, heraus aus dem Auto. Dennoch hatte er das Gef\u00fchl beobachtet zu werden und nicht nur als etwas Fremdes, sondern als jemand Erwartetes. In diesen Gassen f\u00fchlte man sich ein bisschen wie ein Fisch, jede Gabelung und Kreuzung f\u00fchrte in noch mehr aufgestellte Reusen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">So lief Ferro getrieben von Angst durch die Eingeweide des Dorfes. Bald verlor er im kalten Zwielicht Schulter an Schulter unter den grauen Riesen die Orientierung. Und je weniger er sp\u00fcrte, wo es wieder hinausging, desto mehr begann er sich zu beeilen. Schon schallte sein gehetzter Tritt auf patschenden Barf\u00fc\u00dfen \u00fcber das unstete Pflaster, bog mal nach links, mal nach rechts, um dann wieder zur\u00fcck, um noch schneller als zuvor Fu\u00df zu fassen. Das kleine Fischerdorf war ein einziges Labyrinth und bei der Suche nach dem Ausg\u00e4ngen fand er nichts als Sackgassen, in denen mal W\u00e4sche trocknete, mal feuchte Kisten vergammelten, aber stets eine lange Fensterspalte fragend danach trachtete, was er hier denn wolle. Immer wieder musste er mal entt\u00e4uscht, mal erschreckt, am Ende panisch zur\u00fcckschrecken, umdrehen und in entgegensetzter Richtung weiterhetzen. Immer st\u00e4rker bohrten sich die dunkel spiegelnden Fenster in seine Gedanken, die ihn wie ein einziges Auge verfolgten. Er f\u00fchlte sich endlos schuldig, ohne einer echten Schuld bewusst. Im wilden Lauf setzte er um eine weitere Ecke. Sein Blick fuhr hinauf. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Thronend stand vor ihm der hagere Mann! Unheilvoll rollte ihm sein d\u00fcnnes L\u00e4cheln entgegen. Und mitterschwarz fuhr ohnm\u00e4chtige Nacht in Totschl\u00e4gergestalt auf ihn herab.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er erwachte voller Nackenschmerzen und m\u00fcde blinzelnd. Um ihn h\u00f6rte er ein stetes Rumpeln. Beine und Arme konnte er nicht bewegen. In seinem Mund f\u00fchlte er einen dicken Knebel. Und als er die Augen aufschlug, blickte er aus der Vorderscheibe eines Autos in den Verkehr auf den vielen Spuren einer Autobahn ringsherum. Vergeblich versuchte er sich nach links zu drehen, sein Nacken jaulte gequ\u00e4lt auf. Doch aus den Augenwinkeln erkannte er den hageren Kerl. Und vergeblich war auch der Versuch, um Hilfe zu schreien.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Gib Dir keine M\u00fche. Du kannst zappeln soviel Du willst, keinem wirst Du auffallen.\u201c Kommentierte der ruhig seine windenden Bem\u00fchungen. \u201eWird nicht mehr lange dauern bis Florenz.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Auf einmal stumm nickte Ferro und blieb ruhig. Alles war vorbei und die Konsequenzen hatten ihn endg\u00fcltig eingeholt. Das Davonlaufen hatte ein Ende.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Die Autobahnkilometer rannten in einem fort. Hinweistafeln z\u00e4hlten sein restliches Leben herunter. Er genoss die Fahrt, gefesselt, geknebelt und zur Tatenlosigkeit verdammt wie er nun einmal war.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es war Ferros letzter Ritt. Und DeCielo wartete schon.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er schlug die Augen auf, hob den Kopf hoch in den Nacken und fing an zu keuchen. Etwa steckte ihm in der Kehle! Er w\u00fcrgte und r\u00f6chelte, bis er pl\u00f6tzlich einen trockenen Schwall Blut auf den Boden erbrach. Seine Augen verharrten weit aufgerissen, erstarrt auf der dunkelroten Farbe. Durch einen tr\u00fcben Schleier drangen mit einem Mal die Schmerzen eines zerschundenen K\u00f6rpers. Sein rechtes Schienbein, taub und dumpf, br\u00fcllend vor Pein. Seine Wangen aufgequollen. Ein Strich wie ein scharfer Schnitt unter seinem linken Augen. Wenn er die Gesichtsmuskeln bewegte, sp\u00fcrte er seine geschwollenen Backen, darauf das getrocknete Blut, Tr\u00e4nen und den Schwei\u00df, der in den Wunden brannte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er war getreten und geschlagen, gefoltert und zerm\u00fcrbt, taub und leer. Im feuchten, klammen Keller war er auf einem wackeligen Stuhl erwacht. Direkt \u00fcber ihm musste eine schummrige Gl\u00fchbirne h\u00e4ngen, denn er sah den Blutschwall auf seinem vorn \u00fcbergebeugten Schatten, der sich diffus auf grauen Beton abzeichnete.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er hob erneut den Kopf und schaute an einer dicklichen Gestalt herauf, die ihn unentwegt betrachtete. Sie trug einen t\u00fcrkisen, exzellent geschneiderten Bademantel, auf dem ein krebsrotes Gesicht thronte. Er h\u00f6rte noch: \u201eBist Du endlich aufgewacht, Cornelio!\u201c Dann drosch ihm eine Faust erbarmungslos ins Gesicht. Sein Kopf schleuderte wie ein Baseball getroffen zur Seite und matt fiel er hinab auf seine Brust. Augenblicklich waren ihm die Lider zugefallen. Eine dicke Schramme tat sich rot auf und ein Rinnsal Blut troff \u00fcber sein Gesicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Boss, was soll denn das? Wenn Du ihn dauernd ohnm\u00e4chtig schl\u00e4gst, dann erfahren wir gar nichts mehr von den B\u00fcchern.\u201c Erklang eine gelassene Stimme.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er sp\u00fcrte unter der faustgro\u00dfen Umnachtung noch einen Dritten im Raum. Jemanden, den er fl\u00fcchtig unangenehm kennengelernt hatte und dessen Blick er f\u00fchlte, teilnahmslos l\u00e4chelnd und st\u00e4ndig auf sich ruhen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Halt die Klappe! Das Arsch hier hat mich verraten, verkauft, hintergangen! Nicht wahr, Cornelio, nicht wahr!\u201c Br\u00fcllte DeCielo auf ihn hinab und gab ihm einen Schwinger in den Magen mit, da\u00df er r\u00f6chelnd vom Stuhl sackte. \u201eAlso\u201c, schrie er, \u201ewo sind die B\u00fccher!\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Von der knienden Gestalt kam keine Antwort, und wie sollte auch.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Jetzt, lass ihn erstmal Luft holen. Sonst ist er tot, bevor er es sich \u00fcberhaupt \u00fcberlegen kann.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Mia wollte heute Morgen nicht, sagte, sie h\u00e4tte Kopfschmerzen.\u201c Er rollte grollend mit den Augen. \u201eDazu ich nur: Ich auch! Und warum? Wegen einem dreckigen Arschloch in meinem Keller, das mich an die Carabinieri verpfiffen hat.\u201c Sein funkelnder Blick fuhr herum und schwebte schweigend \u00fcber Ferro. Dann fuhr er leise drohend fort: \u201eUnd dann sagte ich zu ihr: Wehe, Du hast noch Kopfschmerzen, wenn ich wieder ins Bett komme und meine erledigt sind! Ich habe also sehr schlechte Laune.\u201c Schon donnerte seine Ungeduld: \u201eR\u00fcck mit meinen B\u00fcchern raus, Cornelio! Es sind meine Gesch\u00e4fte, ergo meine B\u00fccher. Gib sie mir!!\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro.\u201c Fl\u00fcsterte es.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wie?!\u201c Kam die entgeisterte Reaktion.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ich hei\u00dfe Ferro.\u201c Sprach stumm die in ihrem eigenen Blut kauernde Gestalt. Adamo, der versucht hatte, den Boss zu beruhigen, staunte blo\u00df \u00fcber diese Chuzpe. Dann hob Ferro seinen Kopf und blickte dem Boss mitten ins schwitzende Antlitz, soviel Kraft wie ein Gebirge angesichts eines schweren Sturms lag in seinen dunklen Augen, und nicht das geringste Gef\u00fchl, keine Regung, nicht einmal der Schmerz oder ein stiller Ausdruck von Qual, nichts als Leere, \u00fcber die niemand sich erheben konnte. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da drehte der Boss durch. Er wirbelte herum und riss Adamo die Pistole aus dem Schulterhalfter. Schon war wieder bei Ferro und dr\u00fcckte ihm die kalte M\u00fcndung an die Stirn.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Es geht hier um Dein Schei\u00df Leben, Cornelio.\u201c Fl\u00fcsterte er, ihm heiser drohend. \u201eEs geht um Dein Leben. Nicht weniger!\u201c Dann hob er die Pistole blitzschnell hoch und dr\u00fcckte ab. Krachend entlud sich ein Schuss splitternd in die Decke. Adamo zuckte erschrocken zusammen. Zu Tode erschrocken kreischte eine Dienstmagd. Laut polterte Geschirr auf den Boden \u00fcber ihnen. Als Adamo hinauf sah, bemerkte er fein rieselnden Staub, der genau auf Ferros Kopf herabregnete.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Boss, mach keinen Unsinn. Wir&#8230;\u201c Wollte er ihn beschwichtigen, aber DeCielos zitternder Blick lie\u00df ihn verstummen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">In diesem Augenblick sah auch er wieder herauf, zur dritten Gestalt im Raum. Ein Gesicht tauchte auf, warm, dunkel gelockt, weiche, runde Lippen, die zu ihm sprachen, ohne da\u00df er Worte h\u00f6rte. Mamma! Und er sah sich wieder \u00fcber die Felder streifen, an der Olivenbaumallee entlang jagen, im Schuppen mit ihr verstecken spielen. Es pulsierte wohlig warm durch seine Adern, sein Herz pochte ruhig und sanft in seiner Brust, da\u00df er jeden einzelnen Schlag langsam und gleichm\u00e4\u00dfig sp\u00fcren konnte. Aber durch die Erinnerung von Olivenbaumhainen und H\u00fcgelland tauchte schmerzhafte Realit\u00e4t hindurch und er erkannte, wen er da betrachtete, hinten an der Kellerwand, abseits stehend. Es war sein Vater, \u00fcber all die Jahre hinweg nicht gealtert, immer an DeCielos Seite. Er war gar nicht geflohen! Alles war nur eine Finte gewesen. Wozu? In dessen Blick zur\u00fcck stand nichts, kein Wiedererkennen, keine Sorge um seinen Sohn, keine Qual um das eigene Fleisch und Blut. Durch ihn musste er in die &#8218;Familie&#8216; gelangt sei, eine lenkende Figur im Hintergrund, die f\u00fcr ihn alle Tore ge\u00f6ffnet hatte. Nahm er seinen Verrat etwa pers\u00f6nlich?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da traf ihn erneut die Faust des Bosses und diesmal drang der Schmerz durch und durch. Wer war hier eigentlich weggelaufen? Sein Vater oder nicht viel mehr er selbst, jahrelang vor der Wahrheit? St\u00f6hnend brach er auf dem Boden zusammen und spuckte erneut bitteres Blut.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Steh auf!\u201c Rief der Boss.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ferro r\u00fchrte sich nicht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Erst ein Tritt, der ihn auf die Seite warf, lie\u00df ihn langsam und m\u00fchevoll, erst auf alle Viere, dann auf wackelige Beine finden. Er hob den Kopf und stand schlie\u00dflich DeCielo gekr\u00fcmmt gegen\u00fcber, wie ein Boxer im Kampf, dem man zw\u00f6lf Runden zuvor befohlen hatte, sich nicht zu wehren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wo sind meine B\u00fccher!\u201c Hallte es im Keller wider.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er stand nur noch da und sah den Konsequenzen mitten ins Gesicht. Er drehte sich nicht mehr herum und versuchte wegzulaufen. Der Boss hielt die Pistole l\u00e4ssig an der Seite und inspizierte mit gekipptem Haupt seinen Gegner in zerrissener Hose und verschwitztem, blutbeflecktem Unterhemd, darunter nichts als eine schm\u00e4chtige Figur aus Haut und Knochen. Ferros Augen schweiften kurz \u00fcber die Waffe. Das reizte den Boss, damit zu drohen. Er hob den Arm und zielte mit der Pistole auf Ferro. Der r\u00fchrte sich nicht. Aber er verschwendete auch keinen Blick mehr an DeCielo, sondern einzig und allein hafteten seine Augen auf dem gl\u00e4nzenden St\u00fcck Stahl in dessen Hand, furchtlos.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Da begann der Boss langsam um DeCielo herumzuschleichen, die M\u00fcndung unentwegt auf ihn gerichtet. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Und Ferros Augen folgten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wo sind meine B\u00fccher!\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Er schoss.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Krachend entlud sich die Kugel und peitschte zuckend und blitzend aus der M\u00fcndung, w\u00e4hrend der Donner von den W\u00e4nden dr\u00f6hnend widerhallte. Aber Ferro hatte die Bewegung erahnt, das Kr\u00fcmmen des Zeigefingers, das Zusammenzucken der Hand gesehen, hatte einen Schritt zur Seite gemacht, am Stuhl und am Schuss vorbei.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Langsam verebbte das donnernde Echo.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Das Spiel gefiel dem Boss, man sah es in seinem funkelnden Blick, der lechzte und gierte. Adamo schaute mit halb offenem Mund zu und konnte nicht begreifen, wie DeCielo seine letzte Chance wegwarf. Der Vater stand weiterhin im Schatten, beobachtete, tat und sagte aber nichts.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wieder schoss der Boss, aber ungezielt. Absichtlich an Ferros Kopf vorbei, der sich erschrocken duckte und den Kopf zwischen die Schultern einzog. Man merkte, vom lauten, nahen Knall hatte er das Geh\u00f6r verloren. Nichts als gespenstische Ruhe. Das Tapsen von DeCielos Badelatschen war fort, sein Schnaufen und gieriges Keuchen, und auch die unheimliche Stille im Keller, wo kein anderer zu atmen wagte. Aber richtig schauerlich wurde es, als der Boss zu rufen und krakeelen begann. Er wusste ja, was der Schuss bewirkt hatte. Und Ferro verstand nichts, nur: \u201e&#8230;B\u00fccher! &#8230; B\u00fccher!!\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Wieder schoss er. Die M\u00fcndung zielt zwischen Ferros Beine. Die Kugel schlug zwischen ihnen hindurch, knallte auf dem Boden auf, prallte ab und bohrte sich in die Kellerwand hinter Ferro. Der stumme, bebende Knall war f\u00fcr ihn kaum mehr als der Blitz aus einer Kamera. Weiter t\u00e4nzelten sie um den Stuhl herum, an dem Ferro im R\u00fccken sich mit einer Hand festhielt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ein einzelner Blick streifte ihn.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Erneut dr\u00fcckte DeCielo ab. Da blieb Ferro stehen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Sein Mund war ge\u00f6ffnet, f\u00fcr einen Moment ungl\u00e4ubig, dann schluckte er und schloss ihn zu einer d\u00fcnnen Linie und sah den Boss an. Ferro r\u00fchrte sich nicht. Ein runder, tiefroter Fleck formte sich unter seinem Unterhemd, und wuchs unaufh\u00f6rlich.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">DeCielo war erschrocken zusammengezuckt. Mit einem Schlag wurde er von der Konsequenz gepackt: Sein Imperium w\u00fcrde sterben. Bedauern, Leid und Wahnsinn mischten sich in seinen Augen zu Tr\u00e4nen, die \u00fcber seine dicken Wangen rollten und auf den Betonboden hinabst\u00fcrzten. Er streckte zaghaft reuevoll eine Hand nach Ferro aus.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aber der starrte ihn nur an, regungslos.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Pl\u00f6tzlich sackte Ferro hinab auf die Knie. Aber er h\u00f6rte nicht, auf ihm in die Augen zu schauen. Ewig sollte er wissen, wer es war, der sein Imperium zerst\u00f6rte. Niemand anderes als er selbst.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Und starb.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">So starb Cornelio Ferro, der Mann aus Eisen, zu F\u00fcssen von DeCielo, dem Boss. Ich habe es gesehen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ich bewunderte ihn, vom ersten Moment an, als ich ihn in der kleinen Stadt am Mittelmeer traf. Vom Foto, das mir, mit dem Auftrag ihn zu finden, gegeben worden war, erkannte ich ihn wieder. Doch seine Augen hatte ich damals nicht erkannt. Unscheinbare Kraft steckte darin und ich wusste, da\u00df DeCielo fallen w\u00fcrde, durch diesen Mann. Vom ersten Tag, an dem ich ihn traf.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Warum brachte ich ihn dann zur\u00fcck, nicht wahr? Warum lie\u00df ich ihn nicht gehen?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Der Boss w\u00e4re doch auch ohne ihn gefallen. Ohne die B\u00fccher, nicht wahr?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Aber seine Kraft lag nur in dieser einen Sache. Das war sein Leben, sein Schicksal \u2013 auch wenn ich dieses Wort nicht mag. Er musste zu DeCielo und er musste sterben. Als Abschluss, von allem, was er getan hatte. Er musste ihn vernichten, nicht durch Zahlen, nicht durch B\u00fccher, sondern durch sich selbst!<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Nur seinen Blick auf mich verstand ich nicht. Als ob er in mir jemanden von vor langer Zeit wiedererkannte. Wie der Seufzer eines Toten. Eine Melodie vom Galgen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ferro war ein untersetzter Typ von schlanker Grazie und untersch\u00e4tztem Wesen. Ich sage \u201awar\u2019, denn er ist tot. Doch die Geschichte seines Todes mag manchem echtem Mann aus Eisen zur Schande gereichen. Es war ein regnerischer, dunkler Tag, als er \u00fcber die B\u00fccher gebeugt an seinem Schreibtisch sa\u00df. Das alte Holz des Stuhles knackte, wenn &hellip; <a href=\"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/?page_id=12\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Mann aus Eisen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":10,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-12","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15,"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions\/15"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/10"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mastercontrolprogramm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}