Schnüffelstück aus:   Val D'Arc, 2.Akt 3.Szene

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Susanne: "Mein Großvater hat sie mir einmal am Fonduetopf erzählt. Er meinte, es sei eine alte Gruselgeschichte, die nur über den Käsetopf hinweg weitergegeben werden durfte. Ich erinnere mich wie folgt an sie. Ursprünglich hieß das Val D'Arc bei den Touristen vor einem Jahrhundert oder so auch einfach nur Bogental, denn es gibt dort eine überhängende Felsenzunge, die einst über jene Talschlucht geführt haben und immerwährend schneebedeckt gewesen sein soll. Irgendwann ist jedoch gut die Hälfte des Bogens herabgekracht und wenn man sich aus der Ferne nähert, sieht es aus wie eine Sichel!"
Karl: "Das ist die ganze Gruselgeschichte?"

Karl drückte die Verwirrung der restlichen Truppe aus, denn wo blieb der Grusel?

Susanne: "Ich habe ja auch noch nicht erzählt, wieso sie den Namen in Sicheltal abgewandelt haben!"
Tony: "Na, das ist doch klar, als der Bogen zusammenbrach."
Susanne: "Oh nein, dann hätte man den Namen ja nicht geändert, sondern gerade erst recht im Namen die Erinnerung an den einst prächtigen und seltenen Bogen weitergeführt. Die Geschichte ist schon etwas komplizierter und länger."
Karl: "Ja und? Wie geht es weiter."

Mit einem Mal hatte er sein Interesse an ihr und der Geschichte wiedergefunden.

Susanne: "Es war wohl eine Nacht wie heute. Nebelig und düster. Und eine Gruppe, ja, genauso wie ihr, sieben Buben auf dem Weg in den Schnee. Sie hielten nicht in der Nacht hier am Gasthaus, sondern durchfuhren das lange Tal, bis ins damalige Bogental. Sie kamen wohl am frühen Morgen an, es war draußen noch dunkel. Da gab es plötzlich einen lauten Knall! Der rechte Vorderreifen war geplatzt. Vielleicht eine Reißzwecke oder ein ausgewachsener Nagel, aber der Reifen war hin. Im warmen Auto konnte sich die Gruppe nicht so recht entscheiden, wer aussteigen mußte und wer vielleicht im Wagen sitzenbleiben konnte. Ersatzreifen und Wagenheber fanden sich im Kofferraum, doch niemand wollte sie bedienen. Von draußen herein äugten diebische Gestalten aus Fichte und Kiefer vom Straßenrand. Ein kalter Wind pfiff oben durch die Baumwipfel, aus dem stummen Motor stiegen leichte Schwaden auf und vermengten sich mit dem Nebel über der Straße. Rechts drohte der Wald, links fiel es weiter ins Bogental hinab."
Karl: "Oh Mann, ich wette, ich hätte wiedermal aussteigen dürfen und mich bücken!"
Anderen: "Psssssschtt!"
Susanne: "Nach fünf Minuten hatten sie es wohl durch Strohhalmziehen heraus, wer ranmußte. Ein blonder Junge, etwa von deiner Statur..."

Sie deutete auf Seppel, dem der Vergleich garnicht gefiel. Er ahnte schon ein düsteres Ende für diese bedrohliche Geschichte.

Susanne: "...und ein dunkelhaariger Kerl hatten die kürzesten Halme gezogen und stiegen aus. Die Türen schlugen ins Schloß, ihr Atem stieß in dicken Qualmschwaden hervor. Die späte Nacht lag ohne Ton um sie herum, abgesehen vom wehmütigen Säuseln des Windes und einem eigenartigen 'Hallen', ein Echo jenes Säuselns, das keinem der beiden so richtig gefiel. Nichtsdestotrotz wäre der Reifen wohl noch heute platt, wenn sie sich nicht gleich an die Arbeit gemacht hätten. Der Blonde setzte den Wagenheber an, während der zweite sich nebendran hockte, um den rechten Kotflügel des Autos hochzuwuchten. Keiner fühlte sich wohl dem nahen Wald so unvorsichtig den Rücken zuzukehren, andererseits erzählte ihnen ja niemand die Geschichte, so daß sie nichts ahnten. Im Wald hinter ihnen hustete ein Keuzchen warnend auf und flatterte davon. So hörten sie leider nicht die sich nähernden Schritte. Schwere Stiefel tappten behutsam durch den Wald, quietschten leicht auf mosigen Stellen und drückten tiefe Abdrücke in die feuchte Erde. Neben den rauschenden Zweigen um die Gestalt herum erschallte das Echo nun deutlich, wie ein frei schwingendes Sägeblatt. Es heulte fern."

Aus ihrem hohlen Bauch ließ sie sichtliche Übung im Geschichtenerzählen erklingen, denn ein wehmütiger Schrei drang der Truppe durch Mark und Bein. Keiner stellte eine Frage, sondern jedes Augenpaar, selbst von Rainer und Willy, war gebannt auf sie gerichtet. Karl unterdessen übertraf die Starre der übrigen.

Susanne: "Die übrigen Mitglieder der Gruppe, die es sich im Auto bequem gemacht hatte, sah in den beschlagenen Scheiben nichts mehr von ihren beiden Freunden. Guten Mutes hofften sie, daß man sich melden würde, sobald die Karre wieder fahrtüchtig war. Nach einer halben Stunde hatten sie jedoch genug gewartet und versuchten durch die milchigen Scheiben im dustrigen Nebel etwas auszumachen. Nichts! Einer meinte einen hageren, hochgewachsenen Schatten um das Auto schleichen zu sehen, aber die übrigen lachten ihn bloß aus. Schließlich besann sich der 'Schattenseher', nahm allen Mut zusammen und stieß die Tür mit einem Ruck auf."

Sie unterbrach plötzlich, holte langsam und tief Luft, während der Herzschlag der anderen weiterpochte, und setzte dann, ohne ihnen das Wort zu überlassen, fort.

Susanne: "Er schrie plötzlich ohrenbetäubend auf und schien nach vorne zu fallen. Die beiden einzigen übriggebliebenen Insassen des Wagens, zogen panisch an seiner Kleidung. Eine schrille Frauenstimme kreischte einsam durch die Nacht, als sie ihn gänzlich in den Wagen zurückgezerrt hatten. Dort wo sein Hals endete, strömte Blut und immer wieder Blut hervor. Der Kopf der 'Blindschleiche' war abgeschlagen! Das Mädchen versuchte am enthaupteten Leib vorbei nach dem Kopf Ausschau zu halten, doch draußen vor der offenen Tür fand ihre Angst keinen Halt. Ihr starrte nur schwarze Nacht entgegen. Nirgends war der schleichende Schatten zu sehen."

Sie holte erneut Luft und schien keine Anstalten zu machen, weiter zu erzählen. Offensichtlich war die Geschichte damit zu Ende, wenn auch unbefriedigend.

Noch müssen die Köpfe erst rollen...


No, I certainly can't paint !

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